Verbrannter Schnee

Verbrannter Schnee
Seit vielen hundert Jahren, seit den Zeiten von Hunger, Dreißigjährigem Krieg und Hexenjägern, tragen sich zur Winterszeit in manchen Wäldern unheimliche Dinge zu. Es ist der Monat vor dem Lichtmessfeste, vor dem ersten Hexensabbat des Jahres. Immer dann finden sich die verstörten See-len abertausender Hexen ein, die dereinst auf dem Scheiterhaufen zu Tode verbrannten.
Sie sammeln sich zu später Stunde, nicht mehr am Tage und noch nicht in der Nacht, wenn sich die langen Schatten über den verschneiten Waldboden räkeln, wenn die Winterlandschaft in trübem Halblicht erstarrt.
Man sieht sie nicht, man hört sie kaum. Getrieben von Sehnsucht nach Erlösung und mit leise wimmerndem Gejammer gleiten die unsichtbaren See-len im Kreis sich drehend sanft dahin. Am Grund des Waldes zeigen sich schemenhaft Spuren des immer wiederkehrenden Seelentanzes. Beinah’ sieht es so aus, als ob weißgraue Asche im langsamen Rhythmus hin und her sich wiegt. Wen die Hexen umringen, der verschließe Augen und Ohren. Denn all ihren Schmerz, all ihre Trau-rigkeit laden sie auf ihn. Schon manch einer sank unter der Last ihres Leidens zusammen, ertrank im tiefen Grau der Hoffnungslosigkeit und ward nie mehr gesehen.
Was bleibt sind Stille und verbrannter Schnee.

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